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"Sei fröhlich, tu Gutes und lass die Spatzen pfeifen!” (Don Bosco)

Weißer Sonntag.

   Es war in der alten, ehrwürdigen Pfarrkirche der oberschlesischen Stadt seit langen Jahren Brauch, dass während der ganzen Osterwoche die alljährlichen Erstkommunikanten in der Kirche den letzten Unterricht für die bevorstehende Feier erhielten. Auf den Bänken der Epistelseite saßen die Buben, auf der Evangeliumseite die Mädchen, und im Gang dazwischen schritt der weißhaarige, aber noch ungebeugte, straffe Geistliche auf und nieder und blickte auf die große Jugendschar zu beiden Seiten, die ihm in dem halben Jahr der Vorbereitungszeit so sehr ans Herz gewachsen war, und die nun in wenigen Tagen das höchste Glück ihres Glaubens erleben sollte, zum erstenmal hinzutreten zum Tisch des Herrn. Es war kein eigentlicher Unterricht mehr in diesen letzten Tagen mit Erklären und Abfragen von Katechismussätzen. Die Glaubenswahrheiten hatte der greise Priester tief in die jungen Seelen gesenkt, jetzt drängte es ihn, das innige Verlangen der jungen Herzen, ihr volles Vertrauen auf die Gnadenfülle noch recht zu beleben, die sich ihnen in dem heiligen Geheimnis der Eucharistie zuneigen sollte. In diesem Bestreben erzählte er den Kindern, wie oft schon das innige Gebet von Erstkommunikanten eine besonders auffällige Erhörung gefunden habe, und Hoffnungen und Bitten dem göttlichen Heiland vertrauensvoll vorzutragen, der den Tag seiner ersten Heimsuchung ihrer Seelen besonders segnen werde.
   Diese Worte des Frommen Priestergreises drangen tief in die Kinderherzen ein. Am nachdenklichsten aber stimmten sie ein kleines blondes Mädchen, das in den hinteren Reihen der Evangeliumseite saß. Elisabeth war es, als habe der Geistliche Rat seine Mahnung eigens an sie gerichtet. „Bittet, und ihr werdet empfangen!“ Diese Worte, mit denen der Pfarrer geschlossen hatte, füllten all ihr Denken aus, und als die Kinder nach Beendigung des Unterrichts in den sonnenwarmen Frühlingsmorgen hinausströmten, blieb Elisabeth noch allein in der Kirche zurück. Vor Das Bild der Mutter von der immerwährenden Hilfe kniete sie hin, und ihres Herzens große Bitte legte sie der Gottesmutter zu Füßen: dass ihr lieber Vater, der schon fast ein Jahr fern der Heimat als Flüchtling leben mußte, doch ihren Weißen Sonntag miterleben könne! Es war ihr und ihrer Mutter tiefster Schmerz, dass der Vater fehlen sollte, an diesem ihrem Festtag, da sie, als kleine Gottesbraut geschmückt, zum ersten Male hintreten sollte zu der Quelle lebendigen Wassers, zu dem Gastmahl der Engel! Ach, ihr Vater weilte fern, und keine Aussicht schien, dass er zurückkommen werde zu seiner Familie, zu seinem Amt und seiner Heimat. Aber die Worte des Priesters waren wie heller Fackelschein in ihr junges, unschuldiges Herz gefallen, und aus tiefstem Kindesvertrauen blickte sie zu dem Bilde der Gottesmutter auf und flehte um Rückkehr ihres Vaters. Und Tag um Tag diese ganze Osterwoche über kniete sie nach dem Ende des Kommunionunterrichts in der stillen Nische vor dem Bilde der Mutter von der immerwährenden Hilfe und betete aus ganzen Seele um Erhörung ihres Herzenswunsches. . .
    In später Abendstunde, am Freitag vor Weißen Sonntag, erhielt der Eisenbahner Christoph, der seit seiner Verbannung aus der Heimat in der Grafschaft lebte, ein Telegramm seiner Behörde mit der Mitteilung, daß seiner Rückkehr nach Oberschlesien und in sein Amt nichts mehr im Wege stehe. Tieferschhüttert las er die erlösungsbringende Botschaft und fuhr am anderen Morgen schon los, um zu dem Ehrentag seines Töchterchens noch zurechtzukommen. Er hatte geglaubt, schon am Abend daheim sein zu können, aber die Zugverbingunen klappten nicht, so daß er erst am Sonntagmorgen ankam, als schon die Glocken über Stadt und Strom hin zu Feier des Weißen Sonntags riefen. Von der Bahn aus begab er sich darum gleich nach der Pfarrkirche. Wortlos, in tiefem Glück, begrüßte er hier vor dem Gotteshause seine Frau, und neben ihr stehend, mitten unter den anderen glücklichen Eltern der Erstkommunionkinder, sah er diese, die sich in der nahen Schule versammelt hatten, einziehen in die Kirche. Wie leuchtete sein Auge auf, als er unter den weißgekleideten Mädchen Elisabeth erkannte! Ein glückhaftes Erschrecken überzog ihr Gesichtchen, als sie den Vater neben der vor Freude weinenden Mutter am Kircheingang stehen sah. Ihr Gebet war erhört worden! Unendliche Freude blühte in ihrem Herzen auf, und was immer ihre junge Seele an Dank und Freude empfinden konnte, schwang hin als grenzenloses demütiges Vertrauen zu dem göttlichen Heiland, der in dieser Stunde zu ihr kommen wollte mit der ganzen Fülle seiner Gnade und Liebe...
 

   

 

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